Der blühende Hollerbusch weckt in mir Erinnerungen und Sommerfreude. Der Weg zur U-Bahn, auf dem es normalerweise nicht viel zum erzählen und entdecken gibt, wird in der Holunderblütenzeit ein besonders duftender. Zwei riesige Hollerbüsche, in einem der kleinen Vorgärten kontrapunktieren die graue Straße und berauschen die Großstadtluft mit ihrem betörenden Duft. Da halte ich schon mal inne, schnüffle, bestaune diese liebenswerten kleinen Blüten und bin ganz entzückt von ihrer einfachen Schönheit. Holunderblütensüß wird da mein Alltag. Ich träume vom Sommer, ich denke an meinen bereits verstorbenen Vater.

Der Holunderbusch begleitet mich seit einer Ewigkeit. Bereits als Kind sammelte ich gemeinsam mit meinem Vater, ein Kräuterzauberer, die Blüten. Er erzählte mir dann immer von ihrer Heilkraft – abwehrstärkend, blutreinigend, fiebersenkend und schweißtreibend. „Und merk dir“ tönte seine Stimme, „der Hollerbusch, der meist neben Behausungen wächst, ist ein heiliger Baum, in dem die guten Hausgeister wohnen. Nie, wirklich nie darf er gefällt oder geschnitten werden, denn das vertreibt das Glück im Haus.“
Die gesammelten Blüten legte er dann auf ein großes Stück Karton und ließ sie trocknen. Täglich stattetet ich den Blüten einen Besuch ab, streichelte sie um zu spüren ob sie denn schon bereit zum „abrebeln“ waren. Das liebte ich nämlich: da saßen mein Vater und ich in unserer Wiese und entfernten mit streichenden Bewegungen vorsichtig die Blüten von den Ästchen. Eine innige Zeit. Die Blüten ließ er dann in alten Apothekergläser rieseln und verschloss sie. Im Winter als Tee mit ein wenig Honig, ein Genuss. Wenn wir mal krank oder erkältet waren, wirkte er Wunder.
Seit über 20 Jahren, als ich von zu Hause auszog um die Welt zu erobern, habe ich nie wieder Blüten gesammelt und auch keinen Hollertee getrunken. Doch vor einer Woche, als wir einen Ausflug aufs Land machten überkam mich plötzlich wieder diese liebevolle Sehnsucht. Nun liegen die Blüten da und trocknen. Der kommende Winter wird ein Holunderwinter sein.
Ach ja: der Holunderblütenrausch nimmt hier noch kein Ende. Hab da nämlich noch andere Leckereien ausprobiert. Davon das nächste Mal.